Die grossen Fragen der Geschichte beginnen selten mit Ideologien. Sie beginnen mit Grenzen.
Die Griechen fragten sich, wie viel Wachstum eine Polis tragen kann, ohne ihre Seele zu verlieren. Das Römische Reich zerbrach nicht an fehlender Stärke, sondern daran, dass Expansion irgendwann schneller wurde als Integration. Und auch die moderne Schweiz steht heute vor einer Frage, die weit grösser ist als eine einzelne Volksinitiative:
Welche Art von Gesellschaft möchten wir sein?
Eine kleine, erfolgreiche Nation wie die Schweiz lebt von Offenheit, Austausch und internationalen Talenten. Unser Wohlstand entstand nicht durch Abschottung, sondern durch Bildung, Innovation, Unternehmertum und die Fähigkeit, Menschen und Ideen aus aller Welt anzuziehen. Gleichzeitig spüren viele Menschen, dass Wohnraum knapper wird, Infrastruktur an Grenzen stösst und sich unser Land schneller verändert als früher.
Diese Sorgen sind real. Gerade deshalb braucht es eine ernsthafte politische Debatte. Aber sie braucht Lösungen mit Weitsicht, nicht Symbolpolitik.
Die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» verspricht Kontrolle, gefährdet aber genau jene Grundlagen, die unseren Wohlstand, unsere Stabilität und unsere internationale Stärke ermöglicht haben. Eine Schweiz, die beginnt, sich aus Angst vor Veränderung abzuschotten, riskiert langfristig weit mehr als nur wirtschaftliches Wachstum. Sie riskiert ihre Offenheit, ihre Dynamik und einen Teil ihrer Identität.
Nachhaltigkeit bedeutet nicht Stillstand. Nachhaltigkeit bedeutet Verantwortung. Verantwortung dafür, Wachstum klug zu gestalten, Infrastruktur rechtzeitig auszubauen und gesellschaftlichen Zusammenhalt aktiv zu stärken.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Wie viele Menschen verträgt die Schweiz?
Sondern: Haben wir den Mut, die Zukunft aktiv zu gestalten, statt uns vor ihr zu verschliessen?
Darum sage ich klar Nein zur «10-Millionen-Schweiz»-Initiative.
Anastasiia Vollmar